Warum auf Gott hören?

Selbstoptimierung. Das ist kein neuer Hype, kein vorübergehender Trend oder die nächste Lifestyle-Laune einer Frauenzeitschrift. Es ist unsere Daseinsberechtigung geworden: Du darfst nur sein, wenn du nicht so bleibst wie du bist, sondern besser wirst. Besser ist viel: schlanker, erfolgreicher, wohlhabender, fitter, muskulöser, schneller, sexier – besser eben. Der Mensch ist zu seinem eigenen Götzen geworden und irrt in seinem übergetriebenem Götzendienst umher, um noch idealer, noch heiliger zu werden.

Wenn wir alles dafür tun, das beste von allen Leben zu führen, müsste es uns dann nicht auch richtig gut gehen? Gesunde Ernährung, Sport, Wohlstand – Selbstoptimierung als Lebensglück? Leider nein. Denn wenn der Mensch eines nicht kann, dann ist es in Maßen zu leben. Genau das ist die traurige Wahrheit: Wir versuchen alles, damit es uns besser geht und verkennen dabei, dass es uns immer schlechter geht. Wir bekommen nicht genug, wir sind nicht genug, vielleicht sind wir gut genug, aber niemals besser genug. Alles, was uns bestimmt, müssen wir auch kontrollieren können und alles, was wir tun, muss einen Mehrwert haben. Einfach nur laufen zu gehen, um die Luft zu spüren und den Kopf frei zu kriegen, reicht nicht mehr. „Bin ich schneller gelaufen als letztes Mal? Hatte ich dabei einen niedrigeren Puls? Bin ich besser mit meinem Fuß abgerollt? Und natürlich: Habe ich meinen Nachbar endlich eingeholt? Nein? Scheiß Tag. Ja? Man, geht es mir gut. Das Leben ist geil. Ich bin geil.“ Aus einem Götzen kann eine Krankheit werden. Der Götze Erfolg und Macht endet nicht selten im Burnout. Der Götze Sport findet sich in starkem Bewegungszwang wieder. Der Götze Aussehen nennt sich auch gerne Magersucht.

sports-768430_1920

Laufen, um sich gut zu fühlen. Nicht, um besser zu sein.

Und Gott? Wo ist Gott bei dem Ganzen?

Heißt es nicht in der Bibel: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir?“ Gott liebt uns – das ist sein Versprechen. Nur tut er das auf eine Art und Weise, die absolut nicht mit Selbstoptimierung  zusammenpasst. Denn er liebt uns so wie wir sind, sogar dann, wenn wir nicht schneller als unser Nachbar joggen. Da gibt es also jemanden, der uns seine Liebe, seinen Frieden und unendliche Güte schenken will, ohne, dass wir etwas dafür tun müssten. Klingt großartig, ist es aber für die meisten nicht. Denn das sind wir nicht gewohnt. Wir müssen leisten, um etwas zu bekommen. Alles andere überfordert uns. Gott überfordert uns. Er überfordert uns mit seiner Liebe, weil er nichts von uns will außer Vertrauen. Und wo Vertrauen herrscht, kann keine Kontrolle herrschen.

Magersucht ist ein sehr effektives Instrument von Kontrolle und war mein ständiger Begleiter seit meinem 15. Lebensjahr, also fast 10 Jahre. Je stärker sie wurde, desto schwächer wurde mein Glaube. Sie machte mich schlank, dann dünn, dann dürr, dann fast tot. Sie machte mich stark, stärker als andere, so stark, dass niemand mehr etwas mit mir anfangen konnte. Wo sie war, durfte niemand anderes sein, erst recht nicht Gott.

friends-1149841_1920

Selbstwerden: Werde, wie du gemacht wurdest.

Doch er blieb.

In dem Moment, in dem ich auf dem Gipfel der Selbstoptimierung, auf dem Höhepunkt der Magersucht war, brach alles in sich zusammen.

Gestrandet in einer Klinik im hessischen Grünland fing ich an zu begreifen, wie sehr ich Opfer meiner selbst wurde. Als ich wieder draußen war, stellte ich erschreckend fest, dass wir alle Opfer unser selbst wurden. Heute meditiere ich, übe mich in Entschleunigung, übe mich in Geduld, übe mich in Vertrauen. Auch eine Art Selbstoptimierung? Nicht ganz. Eher eine Selbstwerdung. Sich erlauben, so zu sein wie man ist. Fähigkeiten erkennen, Unfähigkeiten annehmen. Und für beides dankbar sein. So zu werden wie ich gerne gewesen wäre, hat mich fast umgebracht. Deswegen möchte ich auf jemanden hören, der es besser mit mir meint als ich selbst, der mich eben nicht optimieren, sondern leben lässt.

Ich möchte so werden, wie Gott mich gemacht hat. 
Advertisements

Kann man die Schuld in Schuhe schieben, wenn die Füße barfuß sind?

Im Jahr 2015 kamen ungefähr eine Million Schutz suchende Menschen nach Deutschland. Sie fliehen vor Terror, Gewalt, Bomben, Straßenkriege, Ausbeutung, Armut, Perspektivlosigkeit, Verfolgung und nicht wenige vor dem sicheren Tod. Väter trugen ihre Kinder über Stacheldrahtzäune, Mütter zerrten ihre abgemagerten Schützlinge von Schlauchbooten ans griechische Festland. Familien wurden auseinander gerissen, Lebensträume im islamistischen ISIS-Wahnsinn erstickt, Freiheit und Würde weichten Hilflosigkeit und Verzweiflung. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Ein Sechzigstel hat es also in unser Land geschafft – ein Land, das wirtschaftlichen Reichtum genießt, Exportmeister ist, eine historisch niedrige Arbeitslosenzahl präsentiert und Luxusprobleme diskutiert, wie die Frage, ob das 10-Euro-Bio-Hähnchenfilet bei Edeka im Kühlregal wirklich bio ist.

bread-1242249_1920

Teilen macht glücklich. ©pixabay.com

Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft und jeder einzelne profitiert davon. Ich ebenso wie du. Das ist gut und schön. Wir stehen also zu unserem Wohlstand, aber stehen wir auch zueinander? Sehen wir eine gesellschaftliche Verantwortung, die die Bezeichnung „Sozialstaat“ mit sich bringt? Und zwar die, ausgehungerten, seelisch verstümmelten, am Körper verwundeten, ihre traumatisierten Kindern nicht helfen könnenden Menschen zur Seite zu stehen – nicht mit Rat: „Geht zurück und baut eure verbombten Heimatstädte wieder auf.“ „Wenn ihr Erdogan ganz lieb fragt, lässt er euch vielleicht in die Türkei.“ Sondern mit Tat: „Ich habe ein ganzes Brot, du hast nichts – hier sind fünf Scheiben für dich.“ „Ich habe ein Bett und ein Sofa, du schläfst auf einem kalten Boden – komm herein.“ „Ich habe um 17 Uhr Feierabend, du hast keine Arbeit mehr – ich besuche dich und verbringe Zeit mit dir.“

Wer ist hier das Opfer?

Flüchtlinge nehmen uns Arbeitsplätze weg, rauben uns die Wohnungen, bilden dreckige Subkulturen, verschmutzen das saubere Stadtbild. Ganz schön viel Anklage. Ich erspare mir jetzt Ausführungen über deutsches Messietum, Mietnomaden und den Straßenruf „Haste mal ne Mark“. Fakt ist, dass der Großteil der Menschheit in allem Neuen eine Bedrohung sieht. Er sieht sich und seinen bepuderten Hintern gefährdet. Er hat Angst um sein Wohl. Also nochmal zum Mitschreiben: Der in einem Sozialstaat lebende, in einer der reichsten Länder hineingeborene, mit Schulpflicht gesegnete, eine Krankenversicherung zugesprochene Deutsche hat Angst um die Sonne, die ihm aus dem Hintern scheint. Egozentrisch, ich-bezogen, selbst verherrlichend, arrogant, asozial – leider zu schwach, um diesem Verhalten eine passende Beschreibung zu geben.

man-937665_1920

Auch wir Deutschen sind nicht immer brave Vorzeigebürger. ©pixabay.com

Jede Angst, jedes Vorurteil und jedes Klischee beinhaltet einen Funken Wahrheit. Wächst unsere Gesellschaft, dann wächst auch die Anzahl an Arbeitssuchenden, an Wohnungssuchenden oder Sozialhilfesuchenden. Aber sollte dieser Aspekt unseren Umgang mit den Flüchtlingen bestimmen? Arbeit, Wohnung oder Geld sind materielle Statussymbole. Was ist mit dem Menschen, der eine Lebensgeschichte, einen Charakter, ein Lieblingsessen und einen super lustigen Humor hat? Wollen wir uns tatsächlich von Persönlichkeiten distanzieren, nur weil die Umstände nicht gerade ideal sind, unter denen wir sie kennenlernen? Ich habe meine beste Freundin in einer psychosomatischen Klinik kennengelernt. Beide fast verhungert. Uns wäre es auch lieber gewesen, wenn wir uns am Eisstand an der italienischen Mittelmeerküste getroffen hätten oder an einer Bar im Berliner Szeneclub, genervt von all den billigen Anmachsprüchen. Gott hat uns aber nun mal mitten im Hessischen Niemandsland auf zwei nebeneinander stehende Stühle in der Gruppentherapiestunde gesetzt. Änderte das was an dem Menschen? Oder minderte es das Geschenk, diesen Menschen kennen und schätzen zu lernen? Nein. Im Gegenteil.

girls-462072_1920

Freundschaft ist immer möglich. ©pixabay.com

Das ist sicherlich kein Aufruf, euch in eine Klinik einweisen zu lassen, um den besten Body oder die Traumfrau zu treffen, aber es ist ein Aufruf, Umständen nicht die Macht zu geben, die Menschen in den Umständen zu übersehen. Jeder Flüchtling ist ein Mensch. Jeder Mensch hat eine einzigartige Persönlichkeit. Jede Persönlichkeit zeichnet sich durch Verhaltensweisen, Lebensarten, Ansichten und Eigenheiten aus. Sie bringt dich zum Lachen, sie hört dir zu, sie kocht gerne, sie spielt Fußball, sie hört am liebsten The Beatles, sie liebt den Sommer und hat am liebsten einen Strauß Gerbera zu Hause. Die Tatsache, dass terroristische Islamisten ihr Land zertrümmern, dass eine Staatengemeinschaft wie die EU keine gemeinsame Asylpolitik aufbauen konnte, dass Zäune aufgestellt werden und dass wir Angst um unseren Wohlstand haben – all das ist nicht die Verantwortung dieser einzelnen Persönlichkeit. Also sollten wir sie auch nicht so behandeln.

Falafel und Schnitzel für alle

Wer hat noch nie einen Döner gegessen? Oder Falafel mit Hummus? Wenigstens eine Pizza? Oder wer kennt dieses gute Gefühl, auf türkischen Märkten ungefähr die Hälfte für genau dieselben Gemüsesorten zu bezahlen als im Laden? Jetzt kommt der Fun-Fact, der jedem bewusst ist, aber viele vergessen: Zuwanderung hat auch schöne Seiten, vor allem schön leckere.

turkey-821194_1920

Die Vielfalt in unserem Leben wächst mit der Vielfalt der Menschen darin. ©pixabay.com

Die kulinarische Erweiterung durch zugezogene Mitbürger bereichert unseren Alltag, oft sogar den Geldbeutel, unseren Kühlschrank und den Esstisch. Da draußen gibt es so viel mehr als Schnitzel und Kartoffeln – jeder Flüchtling hilft uns, das von draußen nach drinnen, zu uns, zu bringen. Dafür ein riesengroßes Dankeschön!

Einem Menschen, der sein Hab und Gut verloren hat und barfuß mit Wunden an den Füßen und letzter Kraft zu uns kommt, können wir doch keine Schuld in die Schuhe schieben, denn die hat er spätestens auf dem Mittelmeer verloren.