Ideale – geschaffen, um niemals erreicht zu werden?

Grüne Smoothies im Magen, Bemessungsuhren am Arm, Diätapp auf dem Smartphone, McFit-Dauerkarte in der Tasche – und voll einen am Zaun. Diese Gesellschaft macht es einem, aber vor allem auch einer, nicht gerade einfach, gesund zu leben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Meine Erfahrungen als ehemals Magersüchtige helfen mir, die perverse Paradoxie in dieser Gesellschaft zu erkennen und traurig feststellen zu müssen, wie weit das Ideal, was viele von sich haben, von dem entfernt liegt, wie viele zu sich selbst stehen. Ein Ideal, das man nur unter Körperknechtschaft, Nahrungprostitution und Gehirnreizwäsche erreichen würde, wenn man bis dahin nicht schon längst verendet ist oder aufgegeben hat. Das Ideal aufgeben bedeutet bei vielen aber auch sich selbst aufgeben – und hier liegt der Fehler.

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My Bottle für mein Ideal. Grüne Grütze anstatt gesunder Ernährung?

Wer sagt dir denn, wann du „ideal“ bist? Was ist überhaupt ideal? Und wie viel Raum willst du dem Erreichen dieses Ideals in deinem Leben einräumen? Karl Lagerfeld sagt, du bist ideal, wenn du keine Jogginghose trägst und immer top gestylt bist. Für Heidi Klum bist du ideal, wenn du in jeder Woche deines Leben ein Foto bekommst und nie über deinem Untergewicht lebst. 85 Prozent der Männer finden dich ideal, wenn du ein paar Extrakilos auf den Hüften hast. Hugh Hefners Ideal entsprichst du, wenn du große Brüste hast und flauschige Hasenohren trägst. In Kenia müsstest du wahrscheinlich zu Hilfsmitteln greifen, um deinen Po ideal aufpolstern zu lassen. Befänden wir uns in den 50er Jahren, solltest du dich unbedingt an dem Ideal Marilyn Monroe orientieren, die Größe 42 trug.

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Die junge Marilyn – was für ein Körper und was für ein Lächeln! Bei „Heidis Mädchen“ sucht man solche Figuren vergebens und die Bauchfalte müsste unbedingt weggemagert werden.

 

Wie du siehst: Es gibt viele Ideale. Wieso solltest du dir also eines vorschreiben lassen und gestaltest nicht einfach dein eigenes? Eines, das zu dir passt, in dem du dich wohlfühlst, auf das du dich weder abmagern noch vollfressen, weder k.o.-spinnen noch couchpotatoen musst. Eine Mischung aus deinen Leidenschaften, Lieblingszutaten und Must-Haves. Eigentlich ist das gar kein Ideal, sondern ein ganz normales Leben. Doch normal ist heute einfach nicht mehr genug.

Was hast du davon, wenn du dir verbieten lässt, deinen Triplechocolatebrownie weiterhin zu genießen und nach zwei Monaten aus lauter Frust dafür die Kilopackung Icecream in dich reinziehst?
Wieso solltest du damit aufhören, deine Lieblingsstrecke in deinem Tempo und mit deiner eigens komponierten Playlist zu joggen, nur weil du dann vielleicht nicht aggressives Technobumbum hörst, das deine Körperbemessungsuhr auf Hochtouren bringt und du dich am Ende über immer geilere Werte ergötzen kannst, währenddessen du nach Atem schnappst und hoffst, dass sich so kein Herzinfarkt anfühlt?
Welchen Sinn hat es, deinen Magen mit einer Überportion Leinsamen, kirchernden Erbsen, dicken, grünen, weißen, Kidney, Soja oder Ackerbohnen vollzustopfen, wenn sich anschließend sämtliche Gase nicht nur negativ (mit anderen Worten bestialisch stinkend) auf die Luft im Büro auswirken, sondern in der Konsequenz deines Stinktierdaseins auch für dicke Luft zu den Kollegen sorgen?

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Alles für das Ideal. So kann einem selbst beim Laufen der Spaß vergehen.

Sich zu Grunde idealisieren – das scheint der neue Trendsport in unserer Gesellschaft zu sein. Dinge essen, die dich satt und dünn machen. Dinge tun, die dich fit und elegant aussehen lassen. Dinge anstreben, die nicht dich sondern alle anderen neidisch machen. Doch wie schaffe ich es? Was tue ich, wenn die Versuchung zu groß wird, Mutti zu gut kocht oder die Tussi aus dem Startup von gegenüber einen höheren Fettverbrennungswert hat als ich? Wenn die Waage ein Kilo zu viel anzeigt, obwohl ich doch extra auf Tofugans und Sojatiramisu an diesem Weihnachten umgestiegen bin? Wenn mich mein Nachbar beim Sonnenbaden und nicht beim Bahnenschwimmen, beim Fettbraten anstatt beim Fatburnen oder mit der Jogginghose auf dem Sofa anstatt den Laufschuhen auf der Straße erwischt? Wenn ich mich doch mal für quality time mit meiner Familie und nicht dem Qualtitätsmanagement sämtlicher Körperfunktionen entscheide? Das sind die großen Herausforderungen unserer Zeit. Ich nenne es Luxusprobleme. Und ich nenne es deswegen Luxusprobleme, um es nicht Idiotenschwachsinnsfragen zu nennen.

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Wie viele Kalorien passen zwischen zwei Knäckebrotscheiben und Gemüse? Solche Gedanken sind nicht ideal, sondern essgestört.

Es gibt ja auch noch andere Probleme, wenn man neben Brigitte, Jolie oder GQ auch noch die Carmen Miosga, Gundula Gause oder den Claus Cleber „aufschlägt“. Was würde wohl ein syrischer Flüchtling in Idomeni sagen: Lieber Laufen oder Radfahren? Wenn er ein Rad hätte, würde er wohl das Rad bevorzugen, denn damit lässt es sich schneller vor dem IS oder der Grenzpolizei oder Horst Seehofer fliehen. Oder fragt doch mal den Bauer in Mosambik, ob er Soja-, Hafer- oder Mandelmilch empfiehlt zu eurem Fair-Trade-7-Korn-Rote-Früchte-Müsli, nachdem er gerade sein letztes verhungertes Rind beerdigt hat. Kuhmilch kann er euch wohl nicht anbieten, aber ist ja nicht mehr so angesagt.

Bevor wir uns also in den eigenen Wahnsinn treiben, lohnt es sich, den Wahnsinn auf der Welt zu registrieren. Ist es mir tatsächlich wichtiger, welche Farbe mein Proteinshake hat anstatt welche Farben das Land regieren? Mit anderen Worten: Gehe ich sonntags lieber ins Fitnessstudio anstatt zur Wahlurne? Man könnte auch sagen: Beiß ich freiwillig in immer braunere Scheiße, nur weil sich immer alles um mich, meinen Wohlstand und mein ein von unserem Reichtum vordefinierten Ideal drehen muss?

Ein Ideal, das du erreichen musst, das deine Zeit bestimmt, das dein wichtigstes Ziel ist, das dir den Sinn im Leben und deinen Wert in dieser Gesellschaft gibt. Ein Ideal, was du dir diktieren lässt, dem du erlaubst dein Wesen zu verändern, das deine Aufmerksamkeit nur noch auf dich richtet, das alles andere hinten an stellt. Hört sich fast wie das Leben an, was ich zur Zeit der Magersucht führte. Voller Zwang, Müssen und Kontrolle. Ob Magersucht oder Idealsucht ist letztendlich gar nicht so wichtig. Eines bleibt in beiden Fällen auf der Strecke: du selbst und die Menschlichkeit.

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