Kann man die Schuld in Schuhe schieben, wenn die Füße barfuß sind?

Im Jahr 2015 kamen ungefähr eine Million Schutz suchende Menschen nach Deutschland. Sie fliehen vor Terror, Gewalt, Bomben, Straßenkriege, Ausbeutung, Armut, Perspektivlosigkeit, Verfolgung und nicht wenige vor dem sicheren Tod. Väter trugen ihre Kinder über Stacheldrahtzäune, Mütter zerrten ihre abgemagerten Schützlinge von Schlauchbooten ans griechische Festland. Familien wurden auseinander gerissen, Lebensträume im islamistischen ISIS-Wahnsinn erstickt, Freiheit und Würde weichten Hilflosigkeit und Verzweiflung. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Ein Sechzigstel hat es also in unser Land geschafft – ein Land, das wirtschaftlichen Reichtum genießt, Exportmeister ist, eine historisch niedrige Arbeitslosenzahl präsentiert und Luxusprobleme diskutiert, wie die Frage, ob das 10-Euro-Bio-Hähnchenfilet bei Edeka im Kühlregal wirklich bio ist.

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Teilen macht glücklich. ©pixabay.com

Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft und jeder einzelne profitiert davon. Ich ebenso wie du. Das ist gut und schön. Wir stehen also zu unserem Wohlstand, aber stehen wir auch zueinander? Sehen wir eine gesellschaftliche Verantwortung, die die Bezeichnung „Sozialstaat“ mit sich bringt? Und zwar die, ausgehungerten, seelisch verstümmelten, am Körper verwundeten, ihre traumatisierten Kindern nicht helfen könnenden Menschen zur Seite zu stehen – nicht mit Rat: „Geht zurück und baut eure verbombten Heimatstädte wieder auf.“ „Wenn ihr Erdogan ganz lieb fragt, lässt er euch vielleicht in die Türkei.“ Sondern mit Tat: „Ich habe ein ganzes Brot, du hast nichts – hier sind fünf Scheiben für dich.“ „Ich habe ein Bett und ein Sofa, du schläfst auf einem kalten Boden – komm herein.“ „Ich habe um 17 Uhr Feierabend, du hast keine Arbeit mehr – ich besuche dich und verbringe Zeit mit dir.“

Wer ist hier das Opfer?

Flüchtlinge nehmen uns Arbeitsplätze weg, rauben uns die Wohnungen, bilden dreckige Subkulturen, verschmutzen das saubere Stadtbild. Ganz schön viel Anklage. Ich erspare mir jetzt Ausführungen über deutsches Messietum, Mietnomaden und den Straßenruf „Haste mal ne Mark“. Fakt ist, dass der Großteil der Menschheit in allem Neuen eine Bedrohung sieht. Er sieht sich und seinen bepuderten Hintern gefährdet. Er hat Angst um sein Wohl. Also nochmal zum Mitschreiben: Der in einem Sozialstaat lebende, in einer der reichsten Länder hineingeborene, mit Schulpflicht gesegnete, eine Krankenversicherung zugesprochene Deutsche hat Angst um die Sonne, die ihm aus dem Hintern scheint. Egozentrisch, ich-bezogen, selbst verherrlichend, arrogant, asozial – leider zu schwach, um diesem Verhalten eine passende Beschreibung zu geben.

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Auch wir Deutschen sind nicht immer brave Vorzeigebürger. ©pixabay.com

Jede Angst, jedes Vorurteil und jedes Klischee beinhaltet einen Funken Wahrheit. Wächst unsere Gesellschaft, dann wächst auch die Anzahl an Arbeitssuchenden, an Wohnungssuchenden oder Sozialhilfesuchenden. Aber sollte dieser Aspekt unseren Umgang mit den Flüchtlingen bestimmen? Arbeit, Wohnung oder Geld sind materielle Statussymbole. Was ist mit dem Menschen, der eine Lebensgeschichte, einen Charakter, ein Lieblingsessen und einen super lustigen Humor hat? Wollen wir uns tatsächlich von Persönlichkeiten distanzieren, nur weil die Umstände nicht gerade ideal sind, unter denen wir sie kennenlernen? Ich habe meine beste Freundin in einer psychosomatischen Klinik kennengelernt. Beide fast verhungert. Uns wäre es auch lieber gewesen, wenn wir uns am Eisstand an der italienischen Mittelmeerküste getroffen hätten oder an einer Bar im Berliner Szeneclub, genervt von all den billigen Anmachsprüchen. Gott hat uns aber nun mal mitten im Hessischen Niemandsland auf zwei nebeneinander stehende Stühle in der Gruppentherapiestunde gesetzt. Änderte das was an dem Menschen? Oder minderte es das Geschenk, diesen Menschen kennen und schätzen zu lernen? Nein. Im Gegenteil.

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Freundschaft ist immer möglich. ©pixabay.com

Das ist sicherlich kein Aufruf, euch in eine Klinik einweisen zu lassen, um den besten Body oder die Traumfrau zu treffen, aber es ist ein Aufruf, Umständen nicht die Macht zu geben, die Menschen in den Umständen zu übersehen. Jeder Flüchtling ist ein Mensch. Jeder Mensch hat eine einzigartige Persönlichkeit. Jede Persönlichkeit zeichnet sich durch Verhaltensweisen, Lebensarten, Ansichten und Eigenheiten aus. Sie bringt dich zum Lachen, sie hört dir zu, sie kocht gerne, sie spielt Fußball, sie hört am liebsten The Beatles, sie liebt den Sommer und hat am liebsten einen Strauß Gerbera zu Hause. Die Tatsache, dass terroristische Islamisten ihr Land zertrümmern, dass eine Staatengemeinschaft wie die EU keine gemeinsame Asylpolitik aufbauen konnte, dass Zäune aufgestellt werden und dass wir Angst um unseren Wohlstand haben – all das ist nicht die Verantwortung dieser einzelnen Persönlichkeit. Also sollten wir sie auch nicht so behandeln.

Falafel und Schnitzel für alle

Wer hat noch nie einen Döner gegessen? Oder Falafel mit Hummus? Wenigstens eine Pizza? Oder wer kennt dieses gute Gefühl, auf türkischen Märkten ungefähr die Hälfte für genau dieselben Gemüsesorten zu bezahlen als im Laden? Jetzt kommt der Fun-Fact, der jedem bewusst ist, aber viele vergessen: Zuwanderung hat auch schöne Seiten, vor allem schön leckere.

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Die Vielfalt in unserem Leben wächst mit der Vielfalt der Menschen darin. ©pixabay.com

Die kulinarische Erweiterung durch zugezogene Mitbürger bereichert unseren Alltag, oft sogar den Geldbeutel, unseren Kühlschrank und den Esstisch. Da draußen gibt es so viel mehr als Schnitzel und Kartoffeln – jeder Flüchtling hilft uns, das von draußen nach drinnen, zu uns, zu bringen. Dafür ein riesengroßes Dankeschön!

Einem Menschen, der sein Hab und Gut verloren hat und barfuß mit Wunden an den Füßen und letzter Kraft zu uns kommt, können wir doch keine Schuld in die Schuhe schieben, denn die hat er spätestens auf dem Mittelmeer verloren.

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Ideale – geschaffen, um niemals erreicht zu werden?

Grüne Smoothies im Magen, Bemessungsuhren am Arm, Diätapp auf dem Smartphone, McFit-Dauerkarte in der Tasche – und voll einen am Zaun. Diese Gesellschaft macht es einem, aber vor allem auch einer, nicht gerade einfach, gesund zu leben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Meine Erfahrungen als ehemals Magersüchtige helfen mir, die perverse Paradoxie in dieser Gesellschaft zu erkennen und traurig feststellen zu müssen, wie weit das Ideal, was viele von sich haben, von dem entfernt liegt, wie viele zu sich selbst stehen. Ein Ideal, das man nur unter Körperknechtschaft, Nahrungprostitution und Gehirnreizwäsche erreichen würde, wenn man bis dahin nicht schon längst verendet ist oder aufgegeben hat. Das Ideal aufgeben bedeutet bei vielen aber auch sich selbst aufgeben – und hier liegt der Fehler.

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My Bottle für mein Ideal. Grüne Grütze anstatt gesunder Ernährung?

Wer sagt dir denn, wann du „ideal“ bist? Was ist überhaupt ideal? Und wie viel Raum willst du dem Erreichen dieses Ideals in deinem Leben einräumen? Karl Lagerfeld sagt, du bist ideal, wenn du keine Jogginghose trägst und immer top gestylt bist. Für Heidi Klum bist du ideal, wenn du in jeder Woche deines Leben ein Foto bekommst und nie über deinem Untergewicht lebst. 85 Prozent der Männer finden dich ideal, wenn du ein paar Extrakilos auf den Hüften hast. Hugh Hefners Ideal entsprichst du, wenn du große Brüste hast und flauschige Hasenohren trägst. In Kenia müsstest du wahrscheinlich zu Hilfsmitteln greifen, um deinen Po ideal aufpolstern zu lassen. Befänden wir uns in den 50er Jahren, solltest du dich unbedingt an dem Ideal Marilyn Monroe orientieren, die Größe 42 trug.

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Die junge Marilyn – was für ein Körper und was für ein Lächeln! Bei „Heidis Mädchen“ sucht man solche Figuren vergebens und die Bauchfalte müsste unbedingt weggemagert werden.

 

Wie du siehst: Es gibt viele Ideale. Wieso solltest du dir also eines vorschreiben lassen und gestaltest nicht einfach dein eigenes? Eines, das zu dir passt, in dem du dich wohlfühlst, auf das du dich weder abmagern noch vollfressen, weder k.o.-spinnen noch couchpotatoen musst. Eine Mischung aus deinen Leidenschaften, Lieblingszutaten und Must-Haves. Eigentlich ist das gar kein Ideal, sondern ein ganz normales Leben. Doch normal ist heute einfach nicht mehr genug.

Was hast du davon, wenn du dir verbieten lässt, deinen Triplechocolatebrownie weiterhin zu genießen und nach zwei Monaten aus lauter Frust dafür die Kilopackung Icecream in dich reinziehst?
Wieso solltest du damit aufhören, deine Lieblingsstrecke in deinem Tempo und mit deiner eigens komponierten Playlist zu joggen, nur weil du dann vielleicht nicht aggressives Technobumbum hörst, das deine Körperbemessungsuhr auf Hochtouren bringt und du dich am Ende über immer geilere Werte ergötzen kannst, währenddessen du nach Atem schnappst und hoffst, dass sich so kein Herzinfarkt anfühlt?
Welchen Sinn hat es, deinen Magen mit einer Überportion Leinsamen, kirchernden Erbsen, dicken, grünen, weißen, Kidney, Soja oder Ackerbohnen vollzustopfen, wenn sich anschließend sämtliche Gase nicht nur negativ (mit anderen Worten bestialisch stinkend) auf die Luft im Büro auswirken, sondern in der Konsequenz deines Stinktierdaseins auch für dicke Luft zu den Kollegen sorgen?

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Alles für das Ideal. So kann einem selbst beim Laufen der Spaß vergehen.

Sich zu Grunde idealisieren – das scheint der neue Trendsport in unserer Gesellschaft zu sein. Dinge essen, die dich satt und dünn machen. Dinge tun, die dich fit und elegant aussehen lassen. Dinge anstreben, die nicht dich sondern alle anderen neidisch machen. Doch wie schaffe ich es? Was tue ich, wenn die Versuchung zu groß wird, Mutti zu gut kocht oder die Tussi aus dem Startup von gegenüber einen höheren Fettverbrennungswert hat als ich? Wenn die Waage ein Kilo zu viel anzeigt, obwohl ich doch extra auf Tofugans und Sojatiramisu an diesem Weihnachten umgestiegen bin? Wenn mich mein Nachbar beim Sonnenbaden und nicht beim Bahnenschwimmen, beim Fettbraten anstatt beim Fatburnen oder mit der Jogginghose auf dem Sofa anstatt den Laufschuhen auf der Straße erwischt? Wenn ich mich doch mal für quality time mit meiner Familie und nicht dem Qualtitätsmanagement sämtlicher Körperfunktionen entscheide? Das sind die großen Herausforderungen unserer Zeit. Ich nenne es Luxusprobleme. Und ich nenne es deswegen Luxusprobleme, um es nicht Idiotenschwachsinnsfragen zu nennen.

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Wie viele Kalorien passen zwischen zwei Knäckebrotscheiben und Gemüse? Solche Gedanken sind nicht ideal, sondern essgestört.

Es gibt ja auch noch andere Probleme, wenn man neben Brigitte, Jolie oder GQ auch noch die Carmen Miosga, Gundula Gause oder den Claus Cleber „aufschlägt“. Was würde wohl ein syrischer Flüchtling in Idomeni sagen: Lieber Laufen oder Radfahren? Wenn er ein Rad hätte, würde er wohl das Rad bevorzugen, denn damit lässt es sich schneller vor dem IS oder der Grenzpolizei oder Horst Seehofer fliehen. Oder fragt doch mal den Bauer in Mosambik, ob er Soja-, Hafer- oder Mandelmilch empfiehlt zu eurem Fair-Trade-7-Korn-Rote-Früchte-Müsli, nachdem er gerade sein letztes verhungertes Rind beerdigt hat. Kuhmilch kann er euch wohl nicht anbieten, aber ist ja nicht mehr so angesagt.

Bevor wir uns also in den eigenen Wahnsinn treiben, lohnt es sich, den Wahnsinn auf der Welt zu registrieren. Ist es mir tatsächlich wichtiger, welche Farbe mein Proteinshake hat anstatt welche Farben das Land regieren? Mit anderen Worten: Gehe ich sonntags lieber ins Fitnessstudio anstatt zur Wahlurne? Man könnte auch sagen: Beiß ich freiwillig in immer braunere Scheiße, nur weil sich immer alles um mich, meinen Wohlstand und mein ein von unserem Reichtum vordefinierten Ideal drehen muss?

Ein Ideal, das du erreichen musst, das deine Zeit bestimmt, das dein wichtigstes Ziel ist, das dir den Sinn im Leben und deinen Wert in dieser Gesellschaft gibt. Ein Ideal, was du dir diktieren lässt, dem du erlaubst dein Wesen zu verändern, das deine Aufmerksamkeit nur noch auf dich richtet, das alles andere hinten an stellt. Hört sich fast wie das Leben an, was ich zur Zeit der Magersucht führte. Voller Zwang, Müssen und Kontrolle. Ob Magersucht oder Idealsucht ist letztendlich gar nicht so wichtig. Eines bleibt in beiden Fällen auf der Strecke: du selbst und die Menschlichkeit.