Besser ist besser als gut

Das Leben macht widewidewitt es ihm gefällt. Leider ist diese Welt nicht voller Pippilangstrümpfe und Peter-Lustige (Ruhe in Frieden – du fehlst uns!), sondern voll von fehlerhaften Menschen, voll von uns, von dir und mir. Und das ist gut so. Es ist gut, dass wir Fehler machen. Dafür sind wir hier: um Fehler zu machen, hinzufallen, zu versagen, zu scheitern, Ziele zu verfehlen, uns der eigenen Unfähigkeit klar zu werden. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wir lernen laufen und fallen hin. Wir gehen zur Schule und schreiben die berühmte Fünf (oder Sechs) in Mathe. Wir bewerben uns und werden abgelehnt. Wir verlieben uns und werden verlassen. Wir bemühen uns und enttäuschen. Wir trinken grüne Smoothies und werden trotzdem krank. So ist das. Dieses Leben. Ungerecht. Unfair. Einfach wundervoll. Im Ernst: Ist das nicht klasse? Wir dürfen ständig Fehler machen. Dieses Leben gibt uns unzählige Chancen, es immer wieder anders zu machen. Je öfter du etwas versaust, desto mehr Möglichkeiten schenkt dir das Leben, es das nächste Mal nicht zu versauen.

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Immer ein Schritt voraus. Bis du stolperst. Über deine eigenen Füße. ©pixabay.com

Komparative sind der Ansporn unseres Daseins

Leider sehen wir (oder die Mehrheit) das etwas anders: Leistung und Kontrolle – das ist das heilige Credo. Oder noch besser: Leistungskontrolle. Wir wollen sichergehen, dass alles funktioniert, was wir tun und wir dadurch immer besser werden. Komparative sind der Ansporn unseres Daseins:

Komparative sind besser. Sie machen dich idealer.

Geben dir den Sinn, den du lange suchtest.

Wieso willst du stark sein, wenn du noch stärker sein kannst?

Was ist schon weit, wenn es weiter geht?

Es gibt keinen Grund anzukommen, zufrieden zu sein, ruhig zu werden.

Der Vergleich hebt dich von damals ab. Er zeigt dir das Mehr in der Zukunft.
Wen interessiert das Hier und Jetzt?

Am Ende bist du ein Meister des Bewertens, Planens und Vornehmens.
Du wirst genau wissen, was du nicht gut genug gemacht hast und was du jetzt anders tun würdest. Nur eines, das hast du nicht mitbekommen: dich selbst.

Zu sein reicht nicht mehr, man muss besser sein. Und um diesen (völlig utopischen) Anspruch gerecht zu werden, baut sich jeder von uns seine eigenen Strategien auf. Die einen machen die Arbeit zum Leben, die anderen trainieren 40 Stunden in der Woche, wieder andere stellen sich strikte Ernährungspläne auf, bei deren bloßen Anblick einem der Magen knurrt. Was der Einzelne dabei allerdings nicht bedenkt: Das hat Konsequenzen und die Ursache dieser Konsequenzen ist Zeit. Denn wenn du deine gesamte Zeit damit verbringst, besser zu werden, bleibt keine Zeit mehr, einfach mal du zu sein. Und du sein bedeutet Freunde treffen, mit deinen Kindern spielen, einen romantischen Urlaub planen, einfach mal im Bett gammeln, mit deinen Mädels feiern oder mit den Jungs eine Runde zocken. Leben eben. Einfach leben. Etwas tun, bei denen sich die Falten in deiner oberen Gesichtshälfte, die immer dann entstehen, wenn man über etwas wahnsinnig Wichtiges nachdenkt, nach unten verlagern rund um den Mund, die dann entstehen, wenn man über etwas wahnsinnig Unwichtiges lacht.

Der kenianische Bauer

Natürlich hat man selbst nicht immer und schon gar nicht jeder die Wahl: Die alleinerziehende Mutter, die sich und ihre drei Kinder mit einem Knochenjob oder vier Minijobs irgendwie durchschlägt, hat de facto keine Zeit, um mal die Füße hochzulegen und zu relaxen. Sie ist darauf angewiesen, am Ende des Monats noch etwas Essbares im Kühlschrank zu haben oder das rote Minus auf dem Konto nicht stetig wachsen zu sehen. Aber das ist (in unserem Land) zum Glück die Ausnahme. Umso dämlicher erscheint es mir, dass all diejenigen, die einen gewissen (und wenn auch nur einen klitzekleinen) Spielraum haben, nichts besseres mit der Zeit anfangen, als sich ihr zu versklaven. Und um das mal klar zu stellen: Ich zähle mich selbst dazu. Meine Magersucht war quasi die Göttin der Kontrolle und je mehr ich in weniger Zeit tat, desto mehr Kalorien verbrannte ich (so die kranke Theorie…). Also habe auch ich die kostbare Zeit, die ich links und rechts übrig hatte, ausgeschlachtet, so wie ein kenianischer Bauer ein Huhn bis auf die Knochen ausschlachtet, um ja alles und noch mehr davon verwerten zu können.

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Es gibt immer eine Welt, die retten musst. Fang doch bei deiner eigenen an. ©pixabay.com

Der Unterschied zwischen mir und dem Bauer ist: Der Bauer macht das, um zu überleben. Mich hat das vom Leben sehr weit weggetrieben. Wenn du parallel zum Crosstrainer versuchst deine E-Mails zu checken, nebenbei eine Hausarbeit schreibst und im 30-Sekunden-Takt die Schnelligkeit des Gerätes erhöhst, hast du am Ende nicht viel mehr davon als eine keuchende Lunge und verwirrte Empfänger von kryptischen Texten. Ich war letztendlich nicht mehr in der Lage, einen Zeitungsartikel (der länger als drei Sätze war und das sind nun mal die meisten) von Anfang bis Ende zu lesen, ohne währenddessen meine letzten zehn Mahlzeiten im Kopf auf ihre Brennwerte zu untersuchen, anschließend die nächsten fünf Mahlzeiten dementsprechend fiktiv zusammenzustellen und zum Abschluss die Stundenanzahl an Training zu ermessen, die es benötigt, um all das gerade zusammengerechnete wieder runterzustrampeln. Prima! Am Ende hatte ich nicht die leiseste Ahnung, worüber der Artikel ging, aber Hauptsache ich habe mein irrsinnig brillantes Multitasking-Talent mal wieder bewiesen.

Du musst immer die Welt retten

Auch hier gilt leider (leider für die nicht-essgestörten Leser, zum Glück für alle anderen): Es ist völlig wurscht, um was sich die Gedanken drehen. Wenn du während einer TV-Sendung vor dem Fernseher nur an die ganzen To-Dos im Büro denkst oder ein schlechtes Gewissen hast, weil du diese Zeit eines völlig sinnlosen Rumsitzens auch anderweitig füllen könntest, ist das genauso traurig. Die Crux dabei ist: Es gibt immer was zu tun. Du wirst immer eine unbeantwortete E-Mail, Whatsapp, Facebook Message, Snapchat, Tweet, LinkedIn Anfrage, Xing Besucher, Instagram Foto, Pinterest Pinnwand, Buzzfeed Artikel, Brief im Kasten oder ein Rauchzeichen am Himmel haben. Und selbst außerhalb des sozialen Netzes gibt es eine Welt, die du ständig retten musst – ob mit voller Waschmaschine oder vollem Terminkalender.

Das Leben im Hamsterrad

 

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Das Leben im Hamsterrad – ausgelaufen. ©pixabay.com

Doch wenn wir einmal ehrlich sind, fühlen wir uns nur am Ende solcher Zeitausschlachtungstage richtig gut. „Heute hab ich was geschafft – herrlich!“ Viel besser ist noch: „Heute hab ich mehr geschafft als gestern – noch herrlicher!“ Anstatt daraus die Konsequenz zu ziehen, morgen dann mal weniger zu machen, spinnen wir uns weiter und weiter nach oben und erhöhen die Schnelligkeit, mit der wir uns im Hamsterrad drehen bis auf Mopsgeschwindigkeit. Wenn du auch so ein berühmt berüchtigter Hamsterradmarathonläufer bist, der Zeit lediglich als die Quelle seiner Leistungserfolge sieht und lange vergessen hat, dass sie auch einfach da ist, um sie zu haben und zu genießen, dann muss ich dir leider ein bedenkliches Detail verraten: Ich weiß nicht, wie lange du so leben kann. Hamster leben im Schnitt zwei bis drei Jahre.

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